Ostdeutschland ist Draisinenland. Wer sanft, ohne nennenswerte Steigungen und mit gutem Catering an der Strecke (in den ehemaligen Bahnhöfen) Draisine fahren will, ist auf der 28 Kilometer langen Strecke von Fürstenberg nach Templin (oder umgekehrt - wechselt wochenweise) 80 Kilometer nordöstlich von Berlin sehr gut bedient (www. draisine.com). Heftigen Muskeleinsatz verlangt dagegen, so unsere Erfahrung, die "Erlebnisbahn" zwischen Zossen und Jüterbog südlich von Berlin - die Dinger erschienen uns arg schwergängig. Inwieweit eine mittlerweile offenbar nachgerüstete Gangschaltung Erleichterung verschafft (unser Trip ist vier Jahre her), wäre auszuprobieren (www.erlebnisbahn.de). Echt krass und mehr eine Abenteuernummer ist eine Draisinentour ganz im Süden Thüringens ab Bahnhof Schmiedefeld, wie sie seit September 2008 möglich ist. Treffpunkt ist Schloß Wespenstein in Gräfenthal nahe Probstzella. Wir wuchteten (noch in der Vorsaison Ende April) unsere Fahrraddraisine aus einer Garage am Bahnhof selbst auf die Gleise. Von dort ging es links bergab Richtung Lichte und rechts ebenfalls bergab Richtung Lippelsdorf. An allen Weichen ist höchste Vorsicht geboten (egal, ob korrekt gestellt oder nicht), sonst droht bauartbedingt Entgleisung, und das ist nicht ohne. Auch das Umsetzen der Draisine an den Endpunkten erfordert Kraft und Aufmerksamkeit, sonst knallt einem z. B. das Gestell auf den Oberschenkel oder Fragileres (langes Andenken inklusive). Für zwei zarte, auf sich allein gestellte Elfen ist das definitiv nichts. Generell ist die Strecke eigentlich für diesen Zweck zu steil (wir schoben eine gute Stunde von Lippelsdorf bergan zum Ausgangspunkt; laut Internet ist aber ab Endstation Lippelsdorf Autotransfer vorgesehen), aber zuvor genießt man echten Thrill, solange auf den Schienen nichts dazwischenkommt. Die Bremse hat nämlich mehr dekorative Funktion, als daß sie tatsächlich nennenswerte Verzögerung bewirkte. Für Familien mit Kindern erscheint uns diese Tour derzeit noch definitiv zu gefährlich und das Konzept technisch bislang nicht ausgereift. Landschaftlich ist es aber klasse. Sollte irgendwann einmal die gesamte, 23 Kilometer lange Strecke zwischen Probstzella und Ernstthal mit der Draisine befahrbar sein mit ihren fünf bis zu 31 Meter hohen und 258 Meter langen Viadukten, wäre das ein Angebot für Eisenbahnfreunde, das seinesgleichen suchte und jede körperliche Mühe und Entgleisungsgefahr lohnte. Das von uns mitgebuchte Übernachtungsangebot in Schloß Wespenstein konnten wir leider nicht ausprobieren, weil, wie uns erklärt wurde, kurz zuvor die Heizung schlapp gemacht hatte. Statt dessen wohnten wir zu fairem Preis im Hotel Steiger in Gebersdorf, das uns mit aufmerksamem Service und guter Küche zu beeindrucken wußte (www.hotel-steiger.de). Freunde hier wirklich monumentaler, also seltener Bauhaus-Architektur steigen alternativ ab im "Haus des Volkes" in Probstzella (www.hausdesvolkes.de). + + + Details zur Draisinentour siehe Film und unter www.schloss-wespenstein.de. Autor: Jens Peter Paul. Geschrieben am 02. Juni 2009. www.statement.de